Händel 2009 |
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„Mich begeistern die Eleganz und stilistische Beweglichkeit“ 2009 war Händel-Jahr. Am 14. April jährte sich der Todestag des Komponisten zum 250. Mal. Dieses Jubiläum nicht allein zu einem punktuellen, beliebigen Ereignis des Medienalltags werden zu lassen, hatten sich Rolf Maier-Karius und sein Südwestdeutscher Kammerchor vorgenommen. Statt einmaligem Herausstellen irgendeines beliebigen Highlights unternahm der Chor gemeinsam mit befreundeten Musikern eine tour d' horizon durch Händels grandioses Gesamtwerk. Von 2001 bis 2009 kamen oratorische Werke, Solokantaten, Kammermusik und Instrumentalmusik zur Aufführung. Rolf Maier-Karius blickt im Gespräch mit Christoph Schweizer auf die Reihe „Händel 2009“ zurück.
Herr Maier-Karius, haben Sie im Lauf des Projekts eine besondere Entdeckung gemacht? Was hat Sie überrascht oder erstaunt? Ich habe Händel neu entdeckt als kosmopolitischen Komponisten. Mich erstaunt immer wieder seine große Kunst, Charaktere darzustellen. Händel gestaltet Gefühle intensiv - in Verbindung mit einer grandiosen, tief bewegenden musikalischen Inszenierung. Mich begeistern immer noch und immer wieder die Vielfältigkeit, Eleganz und stilistische Beweglichkeit seiner Musiksprache. Händel steht für vokale und instrumentale Virtuosität und für einen ergreifenden Reichtum an Melodien.
Ihr künstlerisches Fazit nach neun Jahren „Händel 2009“? Ich bin überzeugt: es ist immer wieder eine lohnende Herausforderung, darauf zu achten, Musik nicht plakativ klingen zu lassen. Das gilt für jede Art von Musik, auch für Händel. Problematisch ist die Oberflächlichkeit – man kann auch sagen: die Ignoranz und Arroganz, mit der Händel manchmal beurteilt wird. Daraus resultiert eine Sorglosigkeit, mit der er mitunter aufgeführt wird. So wird man Händel nicht gerecht! Es lohnt sich, einzutauchen in den biographischen und zeitpolitischen Kontext, der sich in Händels vielfältigen Kompositionstechniken, in homophoner und polyphoner Kunstfertigkeit, in subtilen Empfindungen widerspiegelt. Dann erst kann der Reichtum an Emotionen, an Farben und Effekten, die Lebendigkeit seiner Musiksprache verantwortungvoll zum Klingen gebracht werden.
Neun Jahre Händel – wie ging es Ihrem Chor damit? Der Chor hat nicht neun Jahre lang nur Händel gesungen. In den großen a-capella-Konzerten zwischen den Oratorien decken wir eine große Vielfalt von Musikstilen ab. Im Blick auf Händel hat der Chor eine gute Entwicklung gemacht. Leichtigkeit, Beweglichkeit, Durchsichtigkeit des Musizierens haben zugenommen. Der Chor hat ein Gespür für Händels Musik entwickelt, ist mit jedem neuen Werk schneller hineingekommen. Auch gelang es ihm immer besser, die Charaktere der Stücke aufzufassen und zu realisieren.
War es eigentlich schwierig, den langen Bogen von 2001 bis 2009 durchzuhalten? Und wie hat der Chor es geschafft, dieses große Projekt finanziell zu stemmen? Oft standen wir vor dem ganz praktischen Problem der Notenbeschaffung. Manche Werke kommen ja nur selten zur Aufführung, weshalb die gängigen Verlage keine Chorausgaben vorrätig haben. Die Chor- und Orchesternoten für "Joseph an his Brethren“ mussten wir selbst aufarbeiten. Manch andere, nur über das Ausland zu beziehende Noten waren schlecht gearbeitet, enthielten Fehler und waren dazu noch sehr teuer. Ohne Spenden und ohne den Förderverein des Chores wäre das Projekt nicht möglich gewesen, zumal auch der Konzertbesuch vor allem bei den unbekannteren Werken hinter den Erwartungen zurück blieb. Hier hatten wir mit mehr musikalischer Aufgeschlossenheit für „Neues“ gerechnet! Solomon, Jephtha, Joseph an his Brethren und manche weiteren Werke waren immerhin Tübinger Erstaufführungen.
Wenn Sie sich neun Jahre zurückversetzen könnten: Würden Sie die Reihe noch einmal initiieren? Auf jeden Fall - allerdings unter entsprechenden finanziellen Absicherungen!
"Händel 2009" ist vorüber - und jetzt? Es gibt noch so unglaublich viel Wertvolles und Lohnendes zu entdecken, auch bei Händel, aber nicht nur... Georg Friedrich Händels Musiksprache, seine Vitalität, seine Formenvielfalt und Farbigkeit und das, was heute oft abschätzig 'Popularität' genannt wird – all das bildet das Substrat dieses Projekts. Gerade aus echter Popularität können sich der lange Atem, die Öffentlichkeitswirksamkeit, die Aufmerksamkeit, die ein solches musikalisches Unternehmen braucht, nähren. So akzentuiert Romain Rollands in seinem Essay „Georg Friedrich Händel“ aus dem Jahr 1910 eindringlich: "Es ist aber gar nicht diese etwas banale Popularität, von der ich hier sprechen möchte, wenngleich auch sie nicht verachtet zu werden verdient.. Nur der beschränkte Hochmut eines Engherzigen kann der Kunst, die den Anspruchslosen gefällt, jeden Kunstwert absprechen. Was ich mit 'volkstümlich' in der Kunst Händels bezeichnen möchte, scheint mir die ihr innewohnende Eigenschaft zu sein, die sie wirklich als für ein ganzes Volk empfunden kennzeichnet, nicht nur für eine Elite von geschulten Dilettanten, wie die französische Oper zwischen Lully und Gluck es ist. Ohne je die vollkommen schöne Form, die der Menge keinerlei Konzessionen macht, zu verlassen, vermittelt diese Musik in einer allen zugänglichen Sprache Empfindungen, die von allen gefühlt werden". Händel 2009 – die Oratorien Messiah (2001 und 2009) – The Ways of Zion, Dixit Dominus (2002) – Joseph and his Brethren (2003) – Judas Maccabaeus (2004) – Israel in Egypt (2005) – Acis an Galatea, Jephtha (2006) – Saul (2007) – Solomon (2008) Zadok the Priest, Gloria, Laudate Pueri, Utrecht Tedeum (2009). |